Entwicklungsland Deutschland: Prävention könnte psychische Störungen bei Kindern verhindern
Ulrike Rolf, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig

Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter sind weit verbreitet. Mittlerweile leidet fast jedes dritte Kind im Laufe seiner Entwicklung unter einer seelischen Erkrankung. Auf der Fachtagung "Seelisch gesund groß werden" an der Technischen Universität Braunschweig stellten Psychologen, Ärzte und Kinder- und Jugendpsychotherapeuten Präventionsmaßnahmen vor, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nachgewiesen ist. Sie forderten, dass insbesondere Erziehende in einem gesundheitsfördernden Erziehungsstil geschult werden sollten, damit mehr Kinder seelisch gesund groß werden können.
In Deutschland spielt der Einsatz wirksamer Erziehungsprogramme und Präventionsstrategien eine untergeordnete Rolle. Vor allem in den angelsächsischen Ländern hingegen wird Frühprävention vom Staat unterstützt. "Es gibt keine Lobby bei uns, die sich für Prävention kindlicher psychischer Störungen starkmacht. Erst wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, wird gehandelt. Wir appellieren an die Politik, die Zugänglichkeit wissenschaftlich evaluierter Elternprogramme zu unterstützen", forderte Prof. Kurt Hahlweg, Klinischer Psychologe an der TU Braunschweig.

Die seelische Gesundheit von Kindern fördern
Auslöser für psychische Störungen bei Kindern können biologische Faktoren (z. B. Vererbung, geringes Geburtsgewicht, Geburtskomplikationen), psychosoziale Bedingungen, (wie schlechte Wohnverhältnisse, Armut etc.) aber auch fehlende erzieherische Kompetenzen der Eltern und Bezugspersonen sein. Dabei sind Gene und psychosoziale Bedingungen nur schwer zu verändern. Erfolgreiche Maßnahmen zur Vorbeugung psychischer Störungen im Kindesalter setzen daher an der Verbesserung von Erziehungskompetenzen von Eltern und Bezugspersonen an. Übereinstimmend zeigt sich in zahlreichen Studien weltweit, dass Erziehungstrainings, die einen autoritativen Erziehungsstil vermitteln - ein Erziehungsstil, der durch hohe Wertschätzung und klare Verhaltensregeln gegenüber dem Kind gekennzeichnet ist - zur Verbesserung des seelischen Befindens von Kindern beitragen. Zudem konnte in mehreren Studien gezeigt werden, dass ein positiver Erziehungsstil insbesondere bei Kindern mit biologischen Risiken zur Verbesserung ihrer psychischen Gesundheit beiträgt und somit das biologische Risiko "abpuffern" kann.

Was leisten erfolgreiche Erziehungstrainings?
Erfolgreiche Trainings sind durch klare Handlungsanweisungen und das gezielte Einüben neuen Erziehungsverhaltens charakterisiert. Eltern oder Erziehungspersonen üben in solchen Trainings:
o positive Eltern-Kind-Beziehung aufzubauen durch gemeinsame wertvolle Eltern-Kind-Zeiten, Zuneigung und Gespräche
o positives Verhalten des Kindes durch Loben und Aufmerksamkeit zu fördern;
o Verhalten zu ändern durch Lernen am Modell und systematische Beachtung von neuem Verhalten
o klare, ruhige Anweisungen; ignorieren von problematischem Verhalten, konsequentes Verhalten nach Fehlverhalten.
In einer Studie der Technischen Universität Braunschweig konnte auch für Deutschland gezeigt werden, dass mit solchen Trainings langfristig die Erziehungskompetenzen der Eltern sichtbar verbessert und die Rate von Verhaltensauffälligkeit bei Kindern reduziert werden konnten.

Verwirrende Vielfalt in Deutschland
Problematisch ist, dass es in Deutschland zwar ein großes Angebot familienbezogener Maßnahmen gibt, die oftmals Erziehungsthemen beinhalten. Nur selten aber kommen Programme zur Anwendung, deren Effektivität wissenschaftlich geprüft bzw. belegt ist. Anders als bei Medikamenten und anderen medizinischen Behandlungen wird für psychologische Maßnahmen weder Wirksamkeit noch Sicherheit geprüft, bevor sie in die praktische Anwendung kommen. Die Sichtweise, dass psychologische Interventionen immer nur Gutes tun und nicht schaden können, ist nachweislich falsch und bedarf dringend der Korrektur in der Öffentlichkeit. "Für wirksame Elterntrainings bedeutet dies, dass sie überprüft sein müssen und nur durch speziell geschulte und zertifizierte Psychologen und Pädagogen durchgeführt werden dürfen. Auch müssen die Ausbilder an regelmäßigen Maßnahmen zur Qualitätssicherung teilnehmen", betont die Klinische Kinder- und Jugendpsychologin, Silvia Schneider, Professorin an der Universität Basel.

Eltern sind oft überfordert
Für Eltern und Erziehungspersonen ist es nahezu unmöglich, zwischen wissenschaftlich bewährten und unerprobten Hilfen zu unterscheiden. Dabei wünschen sich Eltern dringend Erziehungshilfen. 68 Prozent der Eltern sehen sich in einer Umfrage des Lehrstuhls für Klinische Psychologie der TU Braunschweig mit Erziehungsfragen überfordert. Sie möchten konkrete und umsetzbare Handlungsanweisungen für ihren täglichen Umgang mit ihren Kindern. Dafür sind sie auch bereit, einen finanziellen Beitrag zu leisten.

Für die Wissenschaftler ist es wichtig, raus aus dem Elfenbeinturm hinein in die breite Anwendung zu gehen. Mit dem Kongress haben sie einen Dialog angestoßen zwischen Wissenschaftlern, Ärzten und Psychologen, aber auch mit Politikern und Entscheidungsträgern von Präventionsmaßnahmen. Ihr Ziel ist es, die strukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen für evidenzbasierte Prävention zu verbessern, mehr Transparenz zu schaffen und ein Engagement der gesundheitspolitisch Verantwortlichen zu verstärken, "weil wir nur so weite Teile der Eltern, insbesondere Eltern aus sogenannten "bildungsfernen" Gruppen mit qualifizierter Hilfe erreichen", resümierte Prof. Hahlweg.

Die Forderungen der Wissenschaftler:
1. Qualitätssicherung bei Präventionsprogrammen
2. Transparente Darstellung und Bewertung solcher Programme im Internet
3. Ausbildung von 10.000 Trainern
4. Investitionen in Prävention und mehr Kinder- und Jugendtherapeuten

Kontakt:
TU Braunschweig
Prof. Dr. Kurt Hahlweg
T. 0531-391-3623
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Pressekontakt:
Kongress-Presseteam
Sieglinde Schneider
T. 0611/ 40 80 610
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Weitere Informationen:
http://www.praeventionskongress-bs.de
http://www.klaus-grawe-stiftung.ch